dot.tipp - Hierarchien entstehen auch ohne Titel und Beförderungen. Wie hält man sie flach?

Tobias Ellenberger
27. September 2018

Vielfach wird über starre Hierarchien reflektiert. Meist nicht sehr positiv. Hierarchien entwickeln sich aber auch emergent aus dem System, ohne dass dies konkret gesteuert wird.

In diesem Beitrag möchte ich reflektieren, welche Treiber Hierarchien entstehen lassen, wie wir diese erkennen und was es für Möglichkeiten gibt, damit umzugehen.

Hierarchie aufgrund von Wissensvorsprung

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Diese Form der Hierarchie gab es schon immer. Nicht ohne Grund gibt es die Aussage:

Wissen ist Macht.
Francis Bacon (1561–1626)

Das Wissen basiert oft auf Informationen. Informationen, die einer kleinen Gruppe früher zugänglich sind und somit einen Wissensvorsprung erzeugen.

Wie war es früher?

Wenn wir ein paar tausend Jahre zurückreisen könnten, könnten wir Organisationen beobachten, in denen jene, die wussten, wie und wo Nahrung beschafft werden kann, Führungsrollen innehatten. Oft war dies Wissen, das über die Jahre angeeignet und mit dem Wissen anderer angereichert wurde. Je älter, desto weiser. Nicht ohne Grund waren früher Führungspersonen generell älter, einiges älter als der Durchschnitt der Gruppe.

Politik im Unternehmen?

Es gibt aber auch andere Ursachen für den Wissensvorsprung. Beispielsweise gibt es Informationen, die aus irgendwelchen Gründen nicht breit geteilt werden dürfen. Oder aber auch Informationen, die bewusst zurückgehalten werden.

Beispielsweise welche Bereiche von einer Reorganisation betroffen sind und welche nicht. Das Nichtwissen erzeugt Ängste, diese machen manipulierbar, und das wiederum führt zu einer Hierarchie.

Der Wissensvorsprung kann auch technologisch begründet sein. Im Sinne davon, dass Gruppen von Menschen der Zugang zu Informationen technisch unterbunden wird. Solche Konzepte sind klar hierarchisch begründet und basieren auf einem Machtdenken.

Das gab es schon immer und wird es immer geben. In Zeiten von Selbstorganisation und neuen Organisationsformen nimmt diese Form der Hierarchieerzeugung, so meine Sicht, wieder eine viel stärkere Rolle ein.

Hierarchie aufgrund archaischer Systeme

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Eine Form der Hierarchiebildung, die in der Geschäftswelt eher ausgedient hat, basiert auf archaischen Mustern. Wie bereits im Blog-Beitrag Reinventing Leadership beschrieben, sind die Alpha-Tierchen langsam aber sicher am Aussterben. Sie werden verdrängt durch neue Strömungen wie "vom Menschen zur Menschlichkeit", in denen archaische Grundwerte wie Grösse, Stärke und Durchsetzungskraft nicht mehr die gleiche Wirkung erzielen.

Dennoch treffen wir solche Systeme weiterhin an. Ganz besonders dann, wenn Menschen unter Druck geraten. Wenn das Reptilienhirn die Kontrolle übernimmt. Wenn wir gesteuert werden durch Instinkte, die normalerweise respektive eben in Ausnahmesituationen unser Überleben sicherstellen. Dann werden Stimmen laut, verändert sich die Haltung (Männlein strecken sich und versuchen ihr Kinn nach vorne und oben zu strecken etc.), wir sind im Überlebensmodus.

Gerade als Berater treffen wir solche Instinkte sehr oft an, wenn neue Gruppierungen entstehen und das bekannte Storming beginnt. Bruce Tuckmann hätte wohl jeweils Freude, solche Prozesse zu beobachten. Da wird gebalzt, die erreichten Zertifizierungen werden verglichen, Grösse und Stärke wird gezeigt und die erfolgreichen Projekte werden erklärt. Mitunter ist das aus der Beobachterperspektive ganz witzig. Direkt involviert frisst es einfach nur Zeit und Nerven.

Die Beförderungs-Hierarchie

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 „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“

Laurence J. Peter (1919 - 1990)

Die Hintergründe dieses Hierarchie-Konzepts sind vielfältig. Genauso wie die Auswirkungen. Eines ist aber immer wieder zu beobachten. Menschen, die ihre Arbeit so gut machen, dass sie bis zu dem Punkt befördert werden, an dem sie die Stufe der Unfähigkeit erreicht haben. Diese Menschen werden über die Zeit unglücklich. Wir wollen gemäss unseren Fähigkeiten arbeiten und damit auch unsere Anerkennung erhalten. 

Das Problem ist nun nicht nur, dass wir unfähige Führungspersonen haben, sondern unglückliche, unfähige Führungspersonen. Diese agieren in ihrer Führungsrolle meistens willkürlich und fallen oft in eher archaische Führungskonzepte zurück. Tritt dieses archaische Konzept erstmal in Kraft, geht die Beförderungs-Hierarchie erst richtig los. Unfähige Führungskräfte umgeben sich oft mit mindestens gleich schlechten, besser sind schlechtere, Führungspersonen. Man will ja nicht auffallen. Da dieses Spiel auf allen Ebenen weitergespielt werden kann, entsteht mit der Zeit ein regelrechter Führungskräftesumpf von Menschen, die sich selbst und sich gegenseitig schützen. Politische Spiele sind vorprogrammiert. 

Fazit - Hierarchien sind. Ob wir wollen oder nicht.

Die Frage ist folglich nicht, ob es Hierarchien gibt, sondern wie wir diese möglichst eindämmen. Wie wir zum Beispiel dafür sorgen, dass Informationen frei zugänglich sind. Wie wir dafür sorgen, dass Entscheide nicht von Einzelnen, sondern von Teams gefällt werden.

Was können wir nun tun?

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Sich selbst besser kennen

Die Erkenntnis, dass ich selbst Teil einer Hierarchie bin, ist essentiell für jeden weiteren Schritt. Ich fördere, ich fordere, ich dulde, ich erdulde, ich akzeptiere, ich lebe Hierarchien. Ich muss also in erster Linie meinen inneren Kern verstehen und kennen. Dann kann ich auch proaktiv mit den Herausforderungen von Beziehungen und damit Hierarchien umgehen.

Seine Umgebung besser verstehen

Mein Umfeld lebt mir jeden Tag vor, welche Werte und Prinzipien steuernd wirken. Ich kann jeden Tag erleben, welche Hierarchien vorhanden sind. Und ich kann jeden Tag beobachten, was um mich herum geschieht. Nicht nur während der Arbeit, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit. So kann ich Gruppen beobachten und meine Sinne für die sozialen Kräfte schärfen und damit mein Gespür für Hierarchien jeden Tag schärfen.

Nein sagen, wenn es notwendig ist.

Hierarchien entstehen auch deshalb, weil oft nicht Nein gesagt wird. Grenzen werden weder deklariert noch eingefordert. Hier habe ich meine persönliche Verpflichtung wahrzunehmen. Ich kann nein gegenüber Systemen sagen, nein gegenüber Verhalten und nein gegenüber meinen eigenen Ängsten.

Wie geht ihr mit Hierarchien um? Welche Arten von Hierarchien trefft ihr am häufigsten an? Ich freue mich über euer Feedback!

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